März 2008


Er sah auf die Uhr. 20 vor 5. In 20 Minuten sollte seine Freundin am Busbahnhof sein. Nach 8 langen Wochen würde er sie nun endlich wieder sehen. Er suchte noch schnell nach den Autoschlüsseln und schnappte sich den Blumenstrauß. Rote Nelken, sie liebte Nelken! Er würde keine Sekunde verpassen, die sie wieder einen Fuß in ihre Heimat setzen wird. Glücklich und voller Vorfreude setzte er sich ins Auto und fuhr los 10 Minuten zu früh stand er am Busbahnhof, voll freudiger Erwartung und ganz zappelig vor Glück. Hatte sie sich sehr verändert? Kann man sich in 8 Wochen überhaupt so sehr verändern? Er beruhigte sich. Egal wie sie sich jemals verändern würde, er würde sie immer lieben und er war sich sicher, dass es andersrum genauso war. Er konnte und wollte nicht mehr ohne sie leben. Erst sie hatte ihm gezeigt, was Leben wirklich bedeutet und zu ihr hatte er zum ersten Mal wahre Liebe empfunden. Vorher bestand sein Leben bloß aus Pc und Lanpartys. Sie hatte ihn total verändert und es war gut so. Er hatte zum ersten Mal begonnen sich wirklich ernsthaft Gedanken um sein Leben zu machen. Er war sich sicher, dass er dieses Mädchen niemals mehr verlieren wolle. Mit ihr hatte sein Leben erst einen Sinn. Ungeduldig schaute er auf die Uhr. Der Bus hatte wohl Verspätung. Er würde warten das stand fest. Und wenn er jahrelang warten müsste um sie wieder zu sehen, dachte er. Aber sofort schob er diesen Gedanken beiseite. So ein Quatsch, es konnte sich nur noch um Minuten handeln, dass er sie endlich wieder in seine Arme schließen konnte. Er freute sich so sehr darauf, wieder durch ihre langen weichen Haare streichen zu können, ihre sanften Lippen auf seinen zu spüren und die kühlen aber samtweichen, kleinen Hände halten zu können.

Jetzt war es schon halb 6. Wo blieb der Bus nur? Er schaute sich um. Mit ihm warteten noch ein paar weitere Leute auf ihre Angehörige. Wie auch er blickten sie unruhig von der Uhr auf die Straße. Der Bus kam einfach nicht. Vom Weiten hörte man ein Martinshorn. Er wurde unruhig. Irgendetwas stimmte hier nicht. Eine weitere halbe stunde verging. Eine nahe Kirchenglocke läutete 6 Uhr. Noch war es hell und lauwarm an diesen Spätsommertag. Das Klingeln eines Handys der Mitwartenden zerriss die erdrückende Stille. Die Frau nahm hektisch das Telefon ans Ohr. Augenblicklich wurde sie blass, musste sich hinsetzen und als sie aufgelegt hatte begann sie bitterlich zu weinen. Der Junge kam nicht dazu, zu der Frau zu gehen und sie zu fragen was los sei, da kam schon ein Polizeiwagen an den Busbahnhof gefahren. Die Polizeimänner hielten geradewegs auf die Wartenden am Bahnhofabschnitt B zu. Die ernsten Minen der beiden Männer ließen das Schlimmste erahnen.

Wenig später, nachdem die Polizei mit den Wartenden geredet hatte, sah man einen blauen Opel Corsa hektisch von Busbahnhof fahren. In ihm der Junge, blass, verzweifelt, ungläubig und unterwegs mit einem letzten Funken Hoffnung. Der Junge kam an die Unfallstelle. Die Polizei hatte ihm geraten nicht hierhin zu fahren. Es war ihm egal gewesen. Er musste seine Freundin einfach finden. Sie konnte nicht tot sein. Er stieg aus dem Wagen. Hier war der Bus mit einem Lkw kollidiert. Der Lkw war nach Angaben der Polizei in die Gegenfahrbahn geraten und habe den Bus frontal erwischt. Die Unfallstelle war schon geräumt, lediglich Splitter, Papier, Blutflecken und Kleidungsteile zeugten noch von dem Ausmaß der Katastrophe die sich hier abgespielt haben musste. Wie apathisch lief der Junge über die Trümmer. Seine tränennassen Augen suchten verzweifelt etwas. Etwas was ihm sagte, dass seine Freundin noch lebte und vielleicht einfach nur aus Schock davon gerannt war. Plötzlich sank er in die Knie. Vor ihm lag eine blutbefleckte braune Jacke. Er nahm sie an sich, roch daran, presste sein Gesicht in den Stoff und begann am ganzen Körper zu zittern. Seine Finger tasteten über den Stoff, fühlten das eingetrocknete Blut und dann etwas, was sich in der Tasche der Jacke befand. Er griff in die Tasche der braunen Jacke und zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor. Vorsichtig faltete er es auseinander. Auf dem Blatt war eine schnörkelige, blaue Handschrift zu erkennen. Heiße Tränen rollten über die Wange des Jungen und tropften auf das Papier, wo sie einzelne Buchstaben der wunderschönen Schrift verwischten. Er las sich den Zettel durch, langsam, zitternd und nur stockend, weil er sich zwingen musste gegen die Tränen anzukämpfen um den geschwungenen Linien auf dem Papier folgen zu können.

„Hallo mein Schatz,

Nun sitze ich hier im Bus neben Lea und sie schläft gerade. Ich musste an dich denken, deshalb schreibe ich dir einen Brief, weil ich sonst verrückt werde vor Freude dich bald wieder zu sehen. Ich habe dich die letzten 8 Wochen so sehr vermisst! Ich bin so froh dich nun wieder zu sehen und mit dir wieder endlos lange telefonieren zu können. Die Gastfamilie war zwar sehr nett, aber hätte ich vor einem Jahr gewusst dass ich dich kennen lerne wäre ich nicht nach Russland gefahren.Auf meinem Schoß liegt die braune Jacke, die du mir vor dem Austausch geschenkt hast, weil du meintest ich würde sonst in Russland zu sehr frieren. So kalt war es gar nicht, aber trotzdem habe ich sie jeden Tag getragen. Der Kragen hat aus irgendeinem Grund nach dir gerochen, und tut es immer noch. Dieser Geruch hat mich getröstet, wenn ich nachts weinend wach lag und an dich denken musste. Er hat mir Hoffnung gegeben, dass die Zeit hier irgendwann um sein wird. Doch es kam mir wie eine Ewigkeit vor und auch diese Busfahrt kommt mir wie eine Ewigkeit vor! Die Zeit ist schon komisch. Die Zeit bisher mit dir, war die schönste meines Lebens. Das Frühjahr war viel zu kurz! Alle Zeit verging so rasendschnell, die ich mit dir zusammen war. Ich freu mich aber darauf, bald wieder mit dir zu unserem Lieblingsplatz zu spazieren und dort einfach nur die gemeinsame Zeit mit dir zu genießen. Du hast mich alle schlimmen Gedanken vergessen lassen, mich vergessen lassen, dass ich mich umbringen wollte. Wenn ich jetzt drüber nachdenke, muss ich drüber lachen. Denn trotz all dem Schmerz, den ich zu Hause erlitten habe, genieße ich jede Sekunde meines Lebens, nun wo ich weiß dass es dich gibt und du auf mich wartest. Du hast mir neuen Mut gegeben. Zum ersten Mal habe ich mir, vor Antritt dieser Reise, wirklich gewünscht zu Hause bleiben zu können. Aber was sollte ich machen, es war alles geplant.Ich freue mich so! In 2 Stunden kann ich wieder in deinen Armen liegen und in deine tiefblauen Augen schauen! Ich freue mich schon, über deine glatte Haut streichen zu können und die kleine Narbe über der Augenbraue zu spüren. Ich freue mich darauf durch deine Haare zu wuscheln. Hoffentlich hast du kein Gel drin. Wenn doch, dann ist es auch nicht schlimm. Ich will dich einfach nur spüren, einfach nur bei dir sein, deinen Herzschlag spüren, deinen Atem spüren, deine Wärme fühlen! Nach 8 langen Wochen, eine Ewigkeit. Ich hab dich so vermisst und ich will dich keine Minute meines Lebens mehr vermissen müssen. Die Aussicht in einem halben Jahr mit dir zusammen ziehen zu können, vertreibt alle Angst in mir, die ich vor meiner Ankunft zu Hause habe. Mein größter Traum ist es, eine Familie zu gründen mit dir und alt zu werden mit dir, in Glück und Gesundheit und Liebe. Ich will in deinen Armen sterben, glücklich, friedlich dann, wenn wir gemeinsam auf ein erfülltes Leben zurück blicken können. Aber an Sterben will ich jetzt noch nicht denken. Die Zeit ist vorbei, dank dir, in der ich keinen anderen Ausweg mehr wusste als an den Tod zu denken. Dank dir ist die schreckliche Zeit vorbei. Jetzt will ich leben! Mit dir! Für immer!Ich liebe dich über alles auf der Welt und werde dich immer lieben!

Deine kleine Maus.“

Am nächsten Morgen konnte man auf den Titelblättern der Zeitungen lesen:„Lkw raste auf der Autobahn frontal in einen Reisebus mit Schülern – alle Insassen tot“, „18-jähriger Schüler auf der Autobahn von Pkw erfasst – starb an der Unfallsstelle“„Gestern gegen späten Nachmittag ereigneten sich auf der Autobahn Richtung Hamburg zwei tragische Verkehrsunfälle. Nachdem zuvor ein Lkw in einen voll besetzten Reisebus raste und dabei alle Insassen des Reisebusses ums Leben kamen, starb an der gleichen Unfallstelle wenig später ein 18-jähriger Schüler, als ein Pkw ihn erfasste. Der Junge war wohl wie in Trance über die Autobahn gelaufen. Der Fahrer eines Pkws hat ihn nach einer Kurve zu spät gesehen und erfasst. Schnell waren Rettungskräfte vor Ort. Sie fanden den jungen Mann halb Tot an der Unfallstelle auf. Er umklammerte eine braune Jacke und hielt ein knitteriges Blatt Papier in der Hand. Trotz aller Bemühungen der Rettungskräfte, ließ der Junge nicht von den Gegenständen ab und starb wenig später an der Unfallstelle.“

Heute erinnern 2 braune Kreuze mit blauer schnörkeliger Aufschrift, am Straßenrand der Autobahnkurve daran, dass hier 2 sich über alle Maße liebende Menschen auf eine grausame Art und Weise verloren haben und doch im Tod wieder vereint sind.

Es gibt Sekunden im Leben,

die einem Schmerzen bereiten.

Es gibt Minuten im Leben,

voller Trauer und Furcht.

Es gibt Stunden,

die endloses Leiden sind.

Es gibt Tage,

die einen um den Verstand bringen.

Wochen,

die einen verzweifeln lassen.

Monate,

voller Hoffnungslosigkeit.

Jahre,

die einen in die Knie zu zwingen drohen.

Und es gibt einzelne Augenblicke,

Momente bloß,

die ganze Sekunden,

Minuten,

Stunden,

Tage,

Wochen,

Monate und Jahre,

voller Leid,

bald 3fach tilgen.

Das war der Kommentar meiner SoWi-Lehrerin heute…Es in den richtigen Kontext vom Unterricht einzuordnen, war ich bis jetzt nicht zu in der Lage. Dazu hätte ich wohl mal von den Kritzeleien auf dem Collegeblock ablassen müssen.

Trotzdem entwickelte sich dieser Gedanke in meinem Kopf weiter. Erste Anzeichen einer solchen Sprachänderung sind nun ja wirklich nicht mehr zu leugnen. Erst heute Morgen sausten mir Satzteile wie „Ey, chill ma alda“ oder „pass doch auf du honk“ am Ohr vorbei. Oh waren die Tage toll an denen Deutsch noch Deutsch war und man alles verstand was Andere von sich gaben. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde. Ich, als eiserne (und leider nur noch aus Trotz) Verfechterin des Wortes „Einzigste“… Ja und heute Morgen musste ich mir dann erstmal von einem kleinen 11-jährigen Mädchen erklären lassen, was das Wort „honk“ denn eigentlich für eine Bedeutung hat. Das Resultat will ich hier lieber mal nicht erleutern.

Ich kann mich noch daran erinnern, als meine Oma letzte Woche sich am Kaffeetisch beschwerte, dass die deutsche Sprache „verdenglischt“ wird. Ja okay, viele Wörter werden aus Gründen der Coolness (wieder ein Englisches Wort) oder als Zeichen der Internationalisierung einfach so aus dem Englischen übernommen. Aber ist es nicht viel schlimmer, wenn man das, was man liest sich noch nicht mal aus irgendeiner anderen gängigen Fremdsprache (und Englisch kann doch im Normalfall jeder *denk* meine Mutter? *hust* okay ich reduziere auf jeder 2te) ableiten kann?

Genau! Also erklär mir mal Jemand, der nicht gerade 11 Jahre alt ist und in den Wettstreit „Wer erfindet die besten nonsense (jaja, wieder Englisch) Wörter verwickelt ist, was z.B. das Wort „honk“ nun bedeuten soll. Ich hätte da als erstes an einen sehr originellen, superschlauen kleinen Jungen gedacht, der seinen liebsten Zankfreund gleichzeitig liebevoll als Hund und als Affe (monkey) bezeichnen wollte und dabei das Wort „honk“ in die Welt gesetzt hat…

Aber nein es steckt doch wirklich ein tieferer Sinn hinter diesem Wort, man soll es kaum glauben. Nun erleutere ich es wohl doch einmal und gebe euch allen die Erleuchtung in der modernen Form der deutschen Sprache! honk = Hauptschüler Ohne Nennenswerte Kenntnisse. Somit kommen wir nun wohl alle zu der Erkenntnis: die moderne Form des Beleidigen begnügt sich nicht mehr mit der Vergabe von lustig klingenden Tiernamen…

Schade eigentlich, denn das Tiernamenerfinden hat zumindest in meiner Grundschulzeit weitverbreitet gehörig die Fantasie angeregt. Damals sind richtige kreative Köpfe geschaffen worden.

Die These meines Päda-Lehrers bestätigt sich damit dann wohl auch: „Die Jugend wird immer aggressiver“. Im Moment suchen wir im Unterricht noch angestrengt nach pädagogischen Lösungen für dieses Problem. Naja das „Wir“ lässt sich auch nochmal unterteilen in: Mädels und Jungs. Während wir Mädels gehörig mit dem Lehrer über Erziehungsmethoden disskutieren, vegetieren die Jungs lieber in der letzten Reihe vor sich hin und träumen von Katharina Salfrank (uns bekannt als die „Supernanny“), die für sie die pädagogische Denkarbeit erledigen…

Nun genug gehetzt über Sprache und Kinder/Jugend. Haltet die Öhrchen steif im neu entstandenen Vokabelwald! Und wenn euch wer blöd kommt, dann greift auf althergebrachte Nettigkeiten zurück: Lang lebe Esel, Affe, Ochse und Co.! Unmissverständlich, individuell mit hurmorvollen Beigeschmack, für bessere Laune im Ärger! ;)